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Diversity Info-Centre

 

Andreas Merx

Management consultant, political scientist and trainer for diversity and cross-cultural competence. He has been active in the field of equal treatment (anti-discrimination), diversity, integration, interculturalism and migration for more than 10 years. Excecutive director of pro diversity.

His specialities are: cultural Diversity, diversity politics, diversity & non-discrimination, German Equal Treatment Act (AGG), integration and immigration policies, cross-cultural competence.

Since November 2008 Andreas Merx is vice-president of idm.

Standortfaktoren Toleranz und Diversity

von Andreas Merx

 

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida belegt in seinem Buch "The Rise Of The Creative Class", dass Toleranz und Offenheit gegenüber ethnisch-kultureller Diversity entscheidende Wachstumsfaktoren für Metropolen der Zukunft sind.

 

Der Bestseller des Professor für regionales Wirtschaftswachstum an der Carnegie-Universität in Pittsburgh, einem der prominentesten Vertreter der "Neuen Wachstumstheorien", hat sich in den USA schon längst zur heimlichen Bibel der Stadtentwickler entwickelt(1). Auch hierzulande finden die Thesen des Regionalökonomen immer mehr Anklang, Städte wie Berlin, Hamburg oder München haben Floridas Wachstumsansatz für sich entdeckt.

Florida entwickelt in seinem Buch eine allgemeine Wachstumsstrategie, nach der es für die wirtschaftlich erfolgreichen Standorte der Zukunft vor allem darauf ankommen wird, kreative und qualifizierte Menschen anzuziehen. Den Annahmen Floridas zufolge werden immer mehr Unternehmen dazu übergehen, ihre Standorte nicht mehr nur nach traditionellen "harten" Standortfaktoren, sondern vermehrt danach auszuwählen, wo sie ein hohes Potential an Arbeitskräften aus der hochqualifizierten "Kreativen Klasse" vorzufinden hoffen. Seine empirischen Untersuchungen können nachweisen, dass weder finanzielle Vergünstigungen, wie steuerliche Anreize, noch die vorhandene Infrastruktur allein relevant für die Standortauswahl des High-Tech-Sektors, innovativer Unternehmen und wissenschaftlicher Institutionen sind:

"Access to talented and creative people is to modern business what access to coal and iron ore was to steelmaking. It determines where companies will choose to locate and grow, and this in turn changes the way cities must compete. As Hewlett Packard CEO Carley Fiorina once told this nation`s governors: 'Keep your tax incentives and highway interchanges; we will go where the highly skilled people are.'" (ebd., S. 6)

Um diese "Kreative Klasse" und ihr innovatives Potential anzulocken und am Ort zu halten kommt laut Florida den sogenannten "weichen" Standortfaktoren wie einer Kultur der Offenheit gegenüber ethnisch-kulturellen Minderheiten und einer anregenden kulturellen Vielfalt in einem toleranten Stadtklima eine entscheidende Schlüsselfunktion zu.

 

Wissen, Kreativität und eine Kultur der Vielfalt

Ausgangspunkt der Überlegungen Floridas ist der grundlegende Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, der eine breite Vielfalt an neuen und sehr unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsstilen hervorgebracht hat und sich in einem enormen Wandel der Struktur des Arbeitsmarkts ausdrückt. In einer postindustriellen Wirtschaft mit einer zunehmend wissens- und kulturbasierten Ausrichtung, ist wirtschaftliches Wachstum daher auch insbesondere in den wissensintensiven Dienstleistungen zu erwarten. Bildung und Information sind in dieser aufkommenden Wissensgesellschaft und -ökonomie die grundlegende Basis für Erfolg. In Zeiten hyperkonkurrenter Märkte in einem globalisierten Wettbewerb der Standorte wird dabei die Entdeckung neuer Ideen immer entscheidender. Wissen und Kreativität werden somit zu den relevantesten Wachstumsressourcen und Produktivkräften der Zukunft. Kreatives Handeln und innovatives Schaffen entfalten sich nach Florida dort besonders gut, wo ein Klima der Offenheit für neue Ideen und Einflüsse, für Anders- und Gleichdenkende und ein positiver und produktiver Umgang mit den unterschiedlichen Sichtweisen und Fähigkeiten herrscht. Kreative arbeiten daher, so Florida, am Besten in einem Milieu der Vielfalt unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Subkulturen, Lebens- und Arbeitsformen, in dem ein hohes Maß an motivierendem Wissensaustausch stattfindet. Wechselseitige Toleranz, Anerkennung und Respekt sowie ein diskriminierungsfreies Stadtklima mit einem lebendigen Streetlife gelten als Grundvoraussetzung dafür, dass sich Individualität und Selbstentwicklung überhaupt erst entfalten können und der notwendige Freiraum für Inspiration und kreative Stimulanz durch eine positive Wertschätzung von Heterogenität entstehen kann. Kreativität und die Offenheit für "das Andere" und "das Fremde" bedingen sich laut Florida wechselseitig.

 

Die "Kreative Klasse" - wer zu ihr zählt und wie groß sie ist

Der beschriebene Wandel zur Wissengesellschaft ist der zentrale Treiber des Aufstiegs der "Kreativen Klasse". Diese "Kreative Klasse" zeichnet sich insbesondere durch spezielle intellektuelle und kreative Fähigkeiten aus, mit denen sie durch neue Ideen, Inhalte, Konzepte und Technologien zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen:

"I define it (the Creative Class) as an economic class and argue that its economic function both underpins and informs its members` social, cultural and lifestyle choices. The Creative Class consists of people who add economic value through their creativity." (ebd., S. 68)

Gemeinsam ist den Mitgliedern der "Kreativen Klasse", dass sie in hohem Maße eigenständig arbeiten und eine Vielzahl an kreative Lösungen für komplexe Probleme entwickeln oder besondere kreative Leistungen vollbringen.

Bereits heute arbeiten nach der Definition von Florida etwa 30 % der gesamten Arbeitskräfte in den USA in kreativen Berufen, ihre absolute Zahl ist dabei von 1950 bis 2000 von 10 Mio. auf 38,3 Mio. angewachsen. Die "Kreative Klasse" umfasst dabei Personen aus Berufsgruppen aus den Bereichen IT, Ingenieurwesen, Architektur, Kunst, Design, Sport, Unterhaltung, Medien, Bildung, Wissenschaft, Erziehung, Management im Unternehmens- und Finanzbereich, Recht und Gesundheitswesen. (ebd, S. 328)

 

Die 3 Ts: "Technology, Talent, Tolerance"

Florida zufolge liegt das Erfolgsrezept für wirtschaftliches Wachstum in der Zukunft nicht mehr in niedrigen Steuersätzen, einer weiteren Senkung der Lohnnebenkosten oder einer noch stärkeren Lockerung des Kündigungsschutzes. Seine Formel für Innovation, Kreativität und Gewinn lautet TTT:

"The key to understanding the new economic geography of creativity and its effects on economic outcomes lies in what I call the 3T's of economic development: Technology, Talent and Tolerance." (ebd., S. 249)

"Technology" bedarf keiner spezifischen Erläuterung, hier hat Florida insbesondere die innovativen Zukunftstechnologien etwa im IT-Bereich, Medien oder Biochemie im Blick. Unter "Talents" versteht er allerdings mehr als nur Ausbildung und Wissen, Talent bedeutet insbesondere die Fähigkeit zum innovativen und kreativen Handeln. Den dritten Punkt der "Tolerance", dem in Floridas` Konzept eine Schlüsselrolle zukommt, differenziert er in vier Indexe, mit deren Hilfe er den "Tolerance Index" der untersuchten Region bemisst:

Entscheidend für die 3 Ts-These Floridas ist, dass nur Regionen, wo die 3 Ts in einem günstigen Verhältnis zusammenfallen mit wirtschaftlichem Wachstum rechnen können. Die Technologie oder das Talent oder die Toleranz alleine genügen nicht:

"Each is a necessary but by itself insufficient condition: To attract creative people, generate innovation and stimulate economic growth, a place must have all three." (ebd., S. 249)

Die 3 Ts bedingen sich wechselseitig: Ein tolerantes, vielfältiges Klima, in dem sich unterschiedlichste kulturelle Impulse gegenseitig bereichern macht eine Region für die "Kreative Klasse" attraktiv. Die Vielzahl kreativer Talente schafft eine innovationsfreudige Stimmung und zieht Unternehmen aus den wissensintensiven Dienstleistungsbereichen und den Zukunftstechnologien an. Dies führt zu einer höheren Attraktivität der Region und zieht zusammen mit der weltoffenen und toleranten Stadt-bzw. Regionalkultur weitere hochqualifizierte Talente an.

 

Keine Kreativität und Wachstum ohne Toleranz und Diversity

Ausgehend von der Fragestellung warum es zu einem deutlichen Wandel der Attraktivität und der Wachstumsraten unter US-amerikanischen Wirtschaftsstandorten gekommen ist, wählt Florida für seine empirischen Untersuchungen 200 US-Regionen aus. Insgesamt geht er dabei mit Hilfe des Ansatzes von den 3 Ts von der These aus, dass es zu einer deutlichen Abwanderungsbewegung von den herkömmlichen Standorten der industriell geprägten Ökonomie zu sogenannten "Creative Centers" der wissens- und dienstleistungsgeprägten Ökonomie gekommen ist.

Um diese These zu belegen, untersucht Florida die ausgewählten Regionen mit dem von ihm entwickelten "Creativity Index". Floridas Kreativitätsindex setzt sich aus vier Faktoren zusammen:

Anhand dieses Creativity Index entwirft Florida eine "Geography of Creativity" und bewertet insgesamt 49 Regionen mit mehr als 1 Mio. Einwohnern in einem Ranking. (ebd., S. 246f.) Demnach sind die wirtschaftlich am stärksten wachsenden Regionen auch diejenigen, die sich durch einen hohen Creativity Index auszeichnen. Zu den führenden Wachstumsregionen zählen die Metropolen San Francisco, Austin, San Diego, Boston und Seattle. Hier hat ein optimales Zusammenfallen der 3 Ts zum Erfolg geführt. Florida begründet auch, warum Metropolen wie Baltimore, St.Louis oder Pittsburgh trotz "world-class universities" und starker High-Tech-Ansiedlung nicht zu den wirtschaftlich am Stärksten wachsenden "Creative Hot Spots" zählen: sie haben schlechte Werte für Toleranz und Diversity, es fehlt der bestimmte "Minority Mix". Sie sind somit wenig attraktive Anziehungspunkte für kreative Talente, ein Zusammenhang, den Florida in Zielgruppen-Interviews mit Hochschulabsolventen zu deren bevorzugten Wohn- und Arbeitsorten anschaulich nachweisen kann. Andere Regionen, die ein tolerantes, vielfältiges und kulturell anregendes Klima bieten und wie etwa Miami oder New Orleans wahre "lifestyle meccas" sind, schneiden schlecht ab, weil ihnen die "Technology", die technologische Basis fehlt. (ebd., S. 250)

 

Die Faktoren Migration und Integration

Neben erhöhten und gezielten Investitionen in Bildung, Forschung und Wissenschaft stellt laut Florida insbesondere die positiv und produktiv gestaltete Einwanderungspolitik der Ära Clinton einen entscheidenden Erfolgsfaktor für den wirtschaftlichen Aufschwung der USA Anfang der 90er dar. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass rund ein Drittel der Unternehmen im Silicon Valley von Einwanderern gegründet wurde. Der Anteil der Einwanderer an Patentanmeldungen lag 2004 bei mehr als 50%! Er bemerkt weiterhin, dass die besonders prosperierenden Metropolen Nordamerikas Toronto, Montreal und Vancouver neben einem hohen Anteil der "Kreativen Klasse" auch die höchsten Anteile ethnisch-kultureller Diversity unter den Rahmenbedingungen einer erfolgreichen Einwanderungs- und Integrationspolitik haben.

In einem seiner neuesten Artikel(2) befürchtet Florida nun, dass die USA durch die Politik der Bush-Administration in eine langwährende und tiefgehende "Kreativitätskrise" gelangen könnten. Die Diskriminierung religiöser und ethnischer Minderheiten in Folge des 11. Septembers, eine zunehmend restriktive Einwanderungspolitik und die immer aggressivere Kriminalisierung irregulärer Einwanderer mindere die Attraktivität der USA für kreative Eliten. War es den USA zuvor besonders gut gelungen, kreative und talentierte Forscher, Wissenschaftler und Studenten im globalen Wettkampf um die besten Köpfe anzuziehen, sorge nun eine massiv verschärfte Visa-Politik dafür, dass kreative Talente abgeschreckt werden. Geschäftsleute haben Probleme bei der Einreise, Kongresse müssen abgesagt werden, weil Forscher aus bestimmten Ländern keine Visa erhalten, ausländische Studenten weichen bereits auf Hochschulen in Kanada, Australien oder Großbritannien aus.

 

Kritische Würdigung Floridas

Das Werk Floridas entwickelte sich rasch zum US-Bestseller und hat eine breite Diskussion über erfolgreiche Strategien der Regionalentwicklung entfacht. Mittlerweile zählt das Buch dort zum unentbehrlichen Standardwerk für innovative Stadtentwickler.

Kritik entzündete sich an der teilweise etwas unbestimmten Definition der "Kreativen Klasse" und an der Frage, ob man in postfordistischen Gesellschaften überhaupt noch von "Klassen" sprechen kann. Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt war, dass Florida die Verlierer des Wandels von der industriellen zur Wissens- Kreativitäts- und Dienstleistungsökonomie - und den damit zum Teil einhergehenden Polarisierungs- und Exklusionstendenzen sowie Massenarbeitslosigkeit - zu wenig im Blick hat und hier wenig Handlungsorientierungen bietet. Die grundsätzliche Stoßrichtung seiner Thesen, insbesondere seine Formel "Technology, Talent and Tolerance" sowie seine starke Betonung der zunehmenden Bedeutung "weicher" Standortfaktoren wie einer offenen Stadtkultur, Diversity und Toleranz wurden als treffsicher und zukunftsweisend gewürdigt. Seine zentrale These von der Notwendigkeit des optimalen Zusammenkommens der 3 Ts weist Florida unter Zuhilfenahme des "Creativity Index" dabei anschaulich und nachvollziehbar nach. Das Buch liefert insgesamt eine breite Palette inspirierender Ideen und ist eine faszinierende Aufforderung zum kreativen Andersdenken über die positive Gestaltung gesellschaftlicher Vielfalt als Faktor für regionales Wachstum.

 

TTT in Deutschland?

Auch wenn das Werk Floridas durchaus auf den US-Kontext zugeschnitten ist und somit seine direkte Übertragbarkeit auf andere regionale Standorte begrenzt bleibt, liefert das Buch doch eine anregende Fülle überlegenswerter Handlungsoptionen auch für Standorte in Deutschland. Spätestens seit dem Nachklang der Diskussionen um die PISA-Studien ist auch hierzulande unbestritten, dass der wichtigste Rohstoff der Zukunft in Wissen, Kreativität und innovativen Talenten liegt und daher viel stärker als bisher in Bildung, Zukunftstechnologien, Forschung und Wissenschaft investiert werden muss. In einer Stadt wie Berlin wird die Ansiedlung von MTV, Universal oder der International Business School als Beweis für die Richtigkeit von Floridas Thesen betrachtet. Berlin hat zwar aufgrund seiner spezifischen Infrastrukturgeschichte enorme Defizite im Bereich der technologischen Grundlagen ("Technology"), verfügt dafür aber über ein beachtliches Potential an kreativen Köpfen ("Talents"). Dass die erfolgreichsten Ansiedlungen nun insbesondere aus dem Medien- und Kulturbereich sowie den Wissenschaften kommen, hat viel mit der weitestgehend toleranten, kreativen Vielfalt der Stadt zu tun ("Tolerance"). Dies wurde auch von den Unternehmen selbst als ein entscheidender Faktor für die Standortentscheidung angegeben.

 

Eine Politik der Vielfalt - zentrale Rahmenbedingung für wirtschaftlichen Erfolg der Zukunft

Florida hat eine aktive Toleranz und positive Wertschätzung gesellschaftlicher Vielfalt als zentrale Voraussetzung für die Entfaltung von Kreativität bezeichnet. Wenn nun in Zukunft insbesondere Regionen wirtschaftlich erfolgreich sind, - wie das Florida für die USA bereits nachgewiesen hat - die sich durch hohe Toleranz- und Diversitywerte auszeichnen, fordern seine Thesen auch zu einem Perspektivenwechsel in einer meist hysterischen, im Grundton rassistischen und nahezu durchgehend negativ geführten Integrationsdebatte auf. Es gilt dann nicht nur, die unbestrittenen Probleme und Defizite des Integrationsprozesses zu skandalisieren, sondern verstärkt auch auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen und Potentiale der vorhandenen gesellschaftlichen Vielfalt hinzuweisen und diese gezielt zu fördern. Bereits jetzt liegt der Migrationsanteil in der Bevölkerung in vielen deutschen Städten zwischen 20 und 30 %. Bevölkerungswissenschaftler erwarten, dass diese Werte bis etwa 2030 auf zwischen 30 und 50 % ansteigen werden, bei jungen Menschen bis 35 Jahren gar auf Spitzenwerte bis zu 60 %. Es ist allein von daher eine entscheidende Zukunftsfrage für die gesellschaftliche, aber auch für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, ob man sich den einseitig-destruktiven Blick auf Integration und ethnisch-kulturelle Vielfalt längerfristig überhaupt leisten kann.

Der extrem defizitorientierte Integrationsdiskurs sowie die strukturellen Diskriminierungen ethnisch-kultureller Minderheiten auf dem Arbeitsmarkt(3) - Menschen mit Migrationshintergrund und Hochschulabschluss haben z. B. eine bis zu vierfach höhere Wahrscheinlichkeit für Arbeitslosigkeit als autochthone Hochschulabsolventen - führt bereits zur Abwanderung etwa hochqualifizierter Berliner mit türkischem Migrationshintergrund, die ihre Qualifikationen und Potentiale jetzt in Istanbul, Izmir und Ankara einbringen. Längerfristig wird es aber aufgrund der demographischen Entwicklung und dem erwartbaren Fachkräftemangel für Unternehmen und Organisationen zunehmend darauf ankommen, die immer größer werdende Anzahl hochqualifizierter Menschen mit Migrationshintergrund für sich zu gewinnen.

Viele Unternehmen haben die zahlreichen Vorteile einer gezielten Förderung personaler Vielfalt bereits erkannt und sind mit Diversity-Maßnahmen wirtschaftlich erfolgreich. Neben einer stärkeren Nutzung des Kreativitätspotentials von Menschen mit Migrationshintergrund gilt es auch die bereits vorhandenen Potentiale etwa in den ethnischen Ökonomien besser zu nutzen und sie stärker mit der Mehrheits-Ökonomie zu vernetzen.

Einen weiteren Beweis für die Richtigkeit des von Florida gezeichneten Zusammenhangs von Toleranz und Diversity mit wirtschaftlichem Wachstum liefert die Studie von Bussmann und Werle.(4) In ihrer Unternehmensbefragung zum Einfluss von Diskriminierungen, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und rechter Gewalt auf den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland gaben 65 % der Firmen an, der Faktor Fremdenfeindlichkeit sei sehr entscheidend für die Güte des Standorts. Besonders Großunternehmen mit stark internationalisierten Strukturen scheuen Investitionen in Regionen mit hoher Fremdenfeindlichkeit. 11% der Befragten gaben gar an, dass sie Bewerber wieder ziehen lassen mussten, weil diese mit dem Argument "Angst vor rechter Gewalt" den Job abgelehnt hätten. Diskriminierungen in der Arbeitswelt und im gesellschaftlichen Miteinander schaden dem Ansehen des Standorts Deutschland. Ein Klima in dem Vorurteile, Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit Raum finden, ist ein entscheidendes Investitionshemmnis.

Aus demographischen und ökonomischen Gründen wird Deutschland, das schon längst ein Einwanderungsland ist, weiterhin auf Migration von außen angewiesen sein. Eine Politik der Abschottung und Festungsmentalität sowie der Diskriminierung und Ausgrenzung ethnisch-kultureller Minderheiten wird längerfristig ein Standortnachteil im globalen Wettbewerb um die kreativen Eliten sein. Es gilt daher, eine kluge und mutige Einwanderungs- und Integrationspolitik zu gestalten und die dort liegenden Innovationspotentiale zu nutzen.

Um die Rahmenbedingungen einer Kultur der Offenheit, Toleranz und Diversity zu schaffen, gilt es eine nachhaltige Gesamtstrategie einer Politik der Vielfalt ("Politics of Diversity") zu entwickeln. Eine aktive Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik, die auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung sowie ein positives Bewusstsein für gesellschaftliche Vielfalt abzielt, die Erleichterung von Einbürgerungen sowie eine ressourcenorientierte Integrationspolitik als Querschnittsaufgabe mit Hauptfokus auf der Verbesserung der Zugangschancen bei Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt und verstärkten Partizipationsmöglichkeiten (Stichwort: Kommunales Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger) sind essentielle Bestandteile einer solchen Politik der Vielfalt.

Floridas Buch zum Aufstieg der "Kreativen Klasse" liefert aus den USA eine Fülle von Beispielen, wo wirtschaftliches Wachstum nicht entstehen konnte, wenn aktive Toleranz, Antidiskriminierung und die positive Gestaltung gesellschaftlicher Vielfalt vernachlässigt wurden. Das Beste aus der vorhandenen Vielfalt zu machen ist eine ebenso pragmatische wie entscheidende Frage für die Zukunftsfähigkeit eines modernen, weltoffenen Deutschland.

 

August 2006

 

Endnoten:

(1) Florida, Richard (2002): The Rise Of The Creative Class...and how it´s transforming work, leisure, community, & everyday life. Cambridge

(2) Florida, Richard (2004): America´s Looming Creativity Crisis, in: Harvard Business Review, 10/2004, S. 122-136

(3) vgl. hierzu insb.: Goldberg, Andreas / Morinhou, Doris / Kulke, Ursula (1995): Labour market discrimination against foreign workers in Germany, Genf; download: http://www.ilo.org/public/english/protection/migrant/download/imp/imp07d.pdf und: OECD (Hrsg.) (2005): Die Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern in Deutschland, Paris; download: http://www.oecd.org/dataoecd/62/12/35796774.pdf

(4) Bussmann, Kai / Werle, Markus (2004): Kriminalität: Standortfaktor für betriebliche Entscheidungen? Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt: Standortnachteil Ost; download: http://bussmann2.jura.uni-halle.de/econcrime/
BussmannWerle2004_Kriminalitaet_Standortfaktor_Unternehmen.pdf

 

Der Beitrag ist ursprünglich auf der Themenwebsite der Heinrich-Böll-Stiftung www.migration-boell.de veröffentlicht worden. Wir danken der Redaktion für die freundliche Zurverfügungsstellung des Beitrags.

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